Gipfelstürmer #1: Auf dem Weg zum Gipfel!

Seit dem Claudi komplett in ihrem Hippocamp aufgeht, kümmere ich mich mit Body um meinen Körper.

August letzten Jahres hatte ich einen wirklich geilen Zustand erreicht. Es gibt so coole Sohlen, die knüppelhart sind und unter den Fußsohlen auf die Muskeln drücken. Die sind der Hammer – schmerztechnisch, aber sie helfen. Gut die Kassen sind nicht der Meinung, denn die Sohlen kosten richtig Asche. Mit Laufen habe ich es nicht mehr so, aber beim Radeln in meinem Liegedreirad haben sie wahre Wunder bewirkt.

Nach den vielen Jahren Training war ich bereit, mich mit den gesunden Irren in den Alpen zu messen. Ich war zwar nicht auf Augenhöhe, was zwanzig Zentimeter über dem Boden eh nicht geht, aber durch die Anschaffung von reichlich Akkupower und einem für Krüppel-Verhältnisse gestählten Körper durchaus bereit.

Zu bestimmten Zeiten des Jahres sieht man sie! Heerscharen von Rennradverrückten stürmen die Berge. Jeder gegen jeden, der Kampf mit dem Berg und den schmerzenden Muskeln. Vom Sofa aus beobachten wir sie auch im TV ganz gern. Der Yuppie, der im Büro, durch den »Personaltrainer« kontrolliert, auf der Rennmaschine trainiert, bereitet sich vor.

Als Anreiz verfolgt er auf einem Mega-Flatscreen die lebensgroße Simulation eines anderen Idioten. So weit der »Amerikan way of life« im TV. Manchmal glaube ich, dass wir gar nicht mehr unterscheiden können zwischen deutscher Kultur und amerikanischer Kultur. Ich habe natürlich auch keine Ahnung davon, ich bin kein Manager mit Personal-Trainer. Am Berg sind irgendwie alle gleiche. Na, ja! Fast!

Die Yuppies – heißen die überhaupt noch so, frage ich mich gerade – kann man am perfekten Outfit erkennen. Schuhe, Socken und Helm in Radfarbe. Aus teuersten Materialien, getestet in der Raumfahrt, gefertigte Shirts nehmen Yuppieschweiß im großen Stil auf.

Nur für diese Klientel gibt es Sondergrößen wie XXL und XXXXXL. Was in der Rennradszene unter XL verstanden wird, passt in der normalen Welt nicht einmal einem schlanken Menschen. Rennradprofis haben den Bodymaßindex von magersüchtigen Models. Deshalb fahren dann viele der Freizeit Radler wie Wurst in Pelle den Berg hoch.

Manchmal fahren auch Begleiter auf Pedelecs für Handreichungen, Schweißabtupfen und Essenausgabe nebenher. Man will ja keine Zeit verlieren durch unnötige Pausen. Jede Fahrt hinauf auf den Berg ist ein Rennen. Für mich reicht schon eine Treppe.

Daneben fahren die modernen Risikofaktoren des Straßenverkehrs. Mutti und Vatti auf dem Pedelec. Zwanzig Jahre das Rad beim Frühjahrsputz im Keller bestaunt und nun geht das mit Elektroantrieb hopp, hopp den Berg hoch.

An irgendeiner Hütte angekommen, werden diese Freizeitradler hart, sehr hart von der Natur getroffen. Wie kommt man wieder runter? Der Heli bringt sie unbeschadet in die Zivilisation zurück. Sie hatten schlicht und ergreifend vergessen, dass es nicht nur steil rauf geht. Nein, Nein!

Mutti steigt dann über 5% Gefälle ab und muss geborgen werden.

So sieht es aus in den Alpen zur Hauptsaison. Body und ich haben genau aus diesem Grund den Zeitraum zwischen Ende August, Anfang September für die Alpentour geplant.

Mitte August waren wir fit für das große Ziel. Wir waren total gespannt, ob wir die Höhenmeter meistern würden. Wir übten im Kalletal um die Ecke; jeden Tag. 150 Meter rauf, brutale Abfahrt runter und wieder rauf auf den Hügel hieß es.

»Sag mal, ist das nicht total langweilig?«

Na klar, das ist nicht nur langweilig, das ist für Menschen mit einer normalen Gehirngröße eine riesige Scheiße! Nun weiß ich auch warum die Radhelme für Profis Größen haben, in die normale Homosapiens allerhöchstens einen großen Boskop Apfel hineinbekommen, aber nicht ihren Kopf.

Wer fit sein will, muss leiden. Body hat zu der Alternative “elektrisches Doping” gegriffen. Was die bei der »Tour de France« können, kann Body schon lange. Claudi war echt angepisst, dass ich nur noch auf dem Dreirad saß. »Ihr seid auch ein Kopp und ein Arsch!«, sagte sie. Ich konnte es schon nicht mehr hören, aber recht hatte sie.

Ich musste mir den Arsch trotz Akku abtrainieren. Sonst hätte ich einen Begleit-LKW mit Ersatzakkus am Berg gebraucht. Wer schon einmal ein Sesselliegedreirad in den Alpen gefahren hat, weiß, dass man trotz Akkuunterstützung sehr fit sein muss.

Den letzten Kick gaben also die propriozeptiven Sohlen, die wie eine asiatische mobile Fußmassageeinheit mal hier drauf drückten um diesen Muskel zu stärken und dort piksten, um jenen Muskel zu peppen. Die fallen aber nicht unter Doping, glaube ich. Und die Schmerzen! Man, taten die Füße weh. Schmerzen kann ich eigentlich! Ich meine so richtig Schmerzen. Manchmal habe ich schon darüber nachgedacht mich untersuchen zu lassen. Vielleicht stimmt da was nicht mit meinem Schmerzlevel! Aber die Sohlen forderten alles von mir.

Dabei hatte ich 2015 meine Schmerzerfahrungen um ein weiteres Detail erweitert. Bergab landete ich nach einem Lenkfehler mit voller Wucht in den Leitplanken; mit dem Kopf zuerst, um dann mit dem Gesicht einige Meter abwärts zu gleiten. Seitdem bin ich ein Schisser geworden. Body ist der King in der Abfahrt, der hat es so etwas von drauf. Mein lieber Scholli! Ich sah nach dem Versuch, mit gleicher Geschwindigkeit wie Body durch eine anspruchsvolle Kurve zu fahren, aus, als hätte mich ein Zug überfahren. Als ich auf dem Asphalt lag, direkt in der Kurve natürlich, hielt zufällig ein Arzt an. Man muss auch mal Glück haben, sage ich ja immer. Claudi sah mich später und konnte meine pragmatische Ansicht übers Glück nicht nachvollziehen.

Body war schon unten, als ich oben in der Kurve lag und dachte, mein Gesicht würde dem von Hannibal Lector ohne Oberlippe ähneln. Ich suchte mit der Zunge den Teil des Gesichtes über meinem Mund, der die Weichteile enthält und war total froh, die Nase zu ertasten.

Ich liege ja öfter mal irgendwo rum, deshalb kann ich nur jedem raten, den Helfer über die chronische Krankheit MS aufzuklären. Einschränkend muss ich sagen, es war ein Arzt, der mich fand. Sonst reicht es einfach aus, zu schreien: »Nicht anpacken, auf keinen Fall anpacken!«  Und dabei einen komplett irren Gesichtsausdruck zu machen.

In der Regel schüchtert das den Helfer ein.

Im Falle der Notfallhilfe, die immer damit beginnt, jemanden unter den Armen zu packen, hätte ich mir mit dem Knie auch den unteren Teil des Gesichts samt Zähne rausgeschlagen. Die Position ließ keine andere Option zu. Da kann man schon mal zu einem irren Gesichtsausdruck greifen, um sein Gebiss zu schützen.

Mit dem Arzt, der wirklich total gechillt war, durfte ich ganz in Ruhe aus dem Rad auf den Asphalt über die Schulter abrollen und zusammengekrümmt liegen bleiben. Ein zufällig dazustoßender Motorradfahrer stellte sich an den Anfang der Kurve und stoppte den Verkehr.

»Wo war meine Oberlippe?«

Der Arzt bestätigte mir, dass das alles noch ganz tutti aussähe, und fragte mich, ob er nicht einen Notarztwagen holen solle. Das ging ja gar nicht. Ich dagegen war überzeugt, dass es sich um rein kosmetische Defizite handelte, die keine Notfallmaßnahmen rechtfertigen würden. Als ich von Birgit, der Pferdepflegerin, abgeholt wurde, sah diese merkwürdig grau im Gesicht aus. Sie hatte nur einen Blick auf meinen rechten Arm geworfen.

»Der ist gebrochen!«, sagte sie. Ich war da ganz anderer Meinung. Immerhin konnte ich den Arm noch minimal bewegen.

»Der ist gebrochen!«, sagte Birgit und sprach danach kein Wort mehr mit mir.

Wir gabelten dann auf dem Weg den Hügel hinunter Body auf, dem die Kette abgesprungen war und fuhren direkt ins Krankenhaus. Er hatte nur einen lauten Knall gehört und sofort angehalten. Bei dieser überstürzten Aktion hatte sich die Kette zwischen Rahmen und Ritzel so eingeklemmt, dass er sie nicht wieder heraus bekam.

Ich kurierte damals die Abschürfungen und schweren Prellungen aus, statt in die Berge in den Urlaub zu fahren. Und natürlich war mein Arm nicht gebrochen, ich hatte mir noch nie etwas gebrochen im Leben.

2016 sollte nach dem Seuchenjahr 2015 unser Jahr werden. Ich hatte mit Claudi schon Malle gebucht und mit Body sollte es in die Dolomiten gehen.

Eingestimmt hatte ich mich mit einer Reha, in der es Klettern für MSler gab. Das war echt crazy. Sturzgeprüft bestand ich den Vertrauenstest mit einem Lächeln auf den Lippen, die mehr oder weniger nachgewachsen waren. In der Kletterwand musste man sich rückwärts aus zwei Meter Höhe in die Obhut dessen schmeißen, der unten das Seil zur Sicherung hielt. Kein Problem!

Zur besseren Einteilung meiner Ressourcen fuhr ich mit E-Stuhl in die Kletterhalle. Als ich angefeuert von mindestens drei Groupies ¾ der maximalen Kletterhöhe meisterte, konnte ich auf dem sicheren Boden durch den Physio abgesenkt, nicht mehr in den E-Rolli einsteigen. Aber ich war eine Wand hinauf geklettert. Die Kletterhilfe stellte zwar mein linkes Bein immer auf den nächsten Haltepunkt, aber immerhin!

Ok! Man kann nicht alles haben. Ich fühlte mich jedenfalls so gut vorbereitet wie schon lange nicht mehr.

Wir schrieben den 15en August 2016 und die letzten Trainingskilometer waren zu absolvieren. Dann passierte etwas, das ich nie für möglich gehalten hätte!