Steh auf und geh!

VORSICHT BLASPHEMIE!

Es soll ja mal einen Typen mit langen Haaren, Bart und den zu dieser Zeit obligatorischen Latschen gegeben haben, der einem anderen Typen, der traurig am Straßenrand saß, diesen Satz gesagt hat: »Steh auf und geh!«

Oder so ähnlich. Nagelt mich nicht darauf fest, ich bin nicht so fit in Bibelgeschichten. Als also dieser Typ den Penner am Straßenrand sah, gab er ihm bestimmt erstmal etwas Wein. Das war noch diese coole Zeit, wo sie dir nicht nen Schluck Wasser gaben, sondern wo Kinder Wein mit der Muttermilch einsaugten.

Geil!

Wie das zu den Amis passt, bei denen du, nur wenn du eine Flasche Wein in der Öffentlichkeit zeigst, schon verhaftet wirst, dazu komme ich noch. Die Hardcore Protestanten sind sich sicher, Moses wäre mit seiner Arche im Grand Canyon gewesen.

Diese Amis!

Das kommt, wenn man zuviel Psychopharmaka einwirft, dann vergisst man, dass man den gesamten Kontinent geklaut hat. Amerigo Vespucci war Spanier. Die Ureinwohner hatten, bis die Europäer da aufschlugen, noch nie was vom Latschenträger gehört.

Aber ich schweife ab. Jedenfalls bin ich mir sicher, dass der Typ am Straßenrand MS hatte! Wie ich darauf komme?

Also das ist so. Ihr wisst doch alle, wie prima man MSler, die im Rolli sitzen wieder auf die Beine bringt, oder? Egal! Jedenfalls brauchst du einigen nur sagen, heb deinen Arsch und geh! Bei anderen ist schon deutlich mehr notwendig. Die bezahlen erst ein kleines Vermögen, reisen dann nach Russland, lassen sich dort in einem versifften Krankenhaus Schweinehirn irgendwo reinbasteln und sind dann euphorisiert bereit, für die Kamera auf dem Gang an der Hand des Chefarztes zu wandeln; bzw. zu wanken.

Der Latschenträger musste vorher natürlich einen Maler engagieren, es gab ja noch keine Kameras!

Aber es hat doch funktioniert, die sind doch gegangen! Na klar sind die das. Wieso sollte ein Rollifahrer, der nach zwei Schritten umfällt, sich nicht umdrehen kann, aus dem Rolli aussteigen? Na! Macht es klick!

Der Latschenträger wusste, wie die MSler ticken.

Also! Wir wissen jetzt, dass es in Russland auch keine Wunderheiler gibt, dass Moses mit seiner Arche nicht aus der Türkei in den Grand Canyon gefahren ist und dass es kaum MSler gibt, die man nicht für ein paar Sekunden gestützt auf die Beine stellen kann.

Der kann ja aufstehen, heißt es immer! Ich sage dann: »Klar man! Weißt du wie praktisch das ist, im Rolli zu sitzen?«

Wie kam ich da drauf? Ach ja! Doping im Prinzip ist Doping ja nichts anderes, als das was Jesus mit dem MSler gemacht hat und die Russen mit dem Schweinehirn. Nur chemisch! Es ist übrigens nicht überliefert, was mit dem Penner am Straßenrand passierte, nachdem sich die begeisterte Menge ihrem neuen Guru zuwandte.

Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich sagen: »Der ist garantiert umgefallen!«

1902 viele Jahre nach dem erfolgreichen Jesus Happening mit der ersten »Tschaka« Veranstaltung der neuen Zeitrechnung, hat ein deutscher Chemiker was Ähnliches im Keller zusammengebraut; Happening in Pillenform. Jesus Pills!

Jeder Apotheker kannte das Zeug und hat es für ein paar Pfennige an Kunden vertickt.

1995 erhielt Jesus seinen legitimen Nachfolger; nicht falsch verstehen, nur in Sachen Wunderheilung.

Biogen!

Genau und jetzt wisst ihr auch, wieso ich die Amis ins Spiel gebracht habe. Jesus ist nicht durch den Grand Canyon gelaufen, nein! Moses ist da nicht rumgeschippert und Biogen hat einem deutschen Chemiker die Idee geklaut.

Die Amis, also genau genommen die eingereisten Europäer, haben das Rezept zum Y Aminopyridin genommen, es so verändert, dass man damit Millionen verdienen kann und als neue Wunderwaffe Fampridin bei MS verkauft. MSler eigenen sich, wie ihr eben gelesen habt einfach perfekt für solche Wunderwaffen; schon historisch gesehen.

Ich saß wieder mal mit meinem Hausarzt, dem Doktor, wie ich ihn nenne, bei einem Joint und beobachte Don Juan, wie er mindestens zehn Meter hoch durch die Gegend hüpfte, als ich den Doktor fragte: »Sag mal, was macht eigentlich dieses Fampyra?

Zugegebenermaßen war ich nicht mehr voll aufnahmebereit. Und ich meine, dass mir Don Juan zugezwinkert hat.

Jedenfalls lief alles auf Nervendoping hinaus, was der Doktor erzählte. Das Zeug ist ein Kaliumkanal-Blocker, aber wie das heißt ist ja scheißegal, jedenfalls geben die Nerven richtig Gas, wenn man das Zeug einwirft. Das geht ja elektrisch und chemisch in unseren Nerven zur Sache. Schmeißt du ne Pille ein, ist das so, als wenn du dein Auto mit Lachgaseinspritzung fährst.

Ich hatte mal einen Kumpel, dem ist sein Fiat 500 mit Lachgaseinspritzung aber mal sowas von um die Ohren geflogen …

Das sind halt die Nachteile! Erst hui und dann pfui!

Sagen wir mal so, beim Fiat 500 führt zu intensives Doping dazu, dass dir die Karre abfackelt. Die Jungs von der Neurologenkonferenz und deren Kumpels vom DMSG und die Pharmalobbyisten und die Vollpfosten aus Berlin haben sich auf einen Konsens – so nennt man das, wenn man man Reiche noch reicher macht – geeinigt.

»Wir machen das nicht mit Fiat 500!« Golf muss es schon sein! Der fährt auch so schon ganz gut … aber …«

Jedenfalls gibt es Fampyra nur für MSler die sowieso laufen können. Das nennt man Win Win Situation. Bei den anderen könnte das ja zu dem Fiat 500 Debakel führen! Das wiederum finden die Lobbyisten in Berlin scheiße, die Amis trauern um die vielen entgangenen Millionen und wir ..? Na wir können nur hoffen, dass der Golf hält!

Uns hat man wieder angeschissen, diesmal ohne Latschen, mit weniger Risiko. Jesus ist immerhin das Risiko eingegangen, dass der Penner am Straßenrand nicht mal die für Wunder vorgeschriebenen 5 Meter auf zwei Beinen schafft!

Unsere Heiler aus der Schulmedizin nehmen gleich Probanden, die laufen können.

Neulich hatten wir hier ne MSlerin auf der Hipporanch, die meinte, sie könne jetzt mit Fampyra statt 200 Meter 500 Meter gehen.

Als ich das meinem Doktor erzählte, ist der vor Lachen, fasst erstickt. Ich fand‘s nicht lustig, ich rauche aber auch weniger. Und er ist ja nicht krank!

Knapp 200€ im Monat, macht pro Jahr 2400€ für 300€ Meter weiter nutzlos gehen! Wie zum Henker will man mit 500 Meter Gehstrecke einkaufen? Ihr habt doch alle diese beknackten Apps, die dir sagen, wie viel Schritte du noch laufen sollst, um zu den Hypertypen zu gehören.

Das ist win – loose! Nichts anderes.

Statt Training kann man ja Doping machen, vom Arzt verordnet versteht sich!

Einige glauben, dass diese Jesus Wunderheilung einen verdammt langen Beipackzettel verdient gehabt hätte.

Bei Fampyra hat man das vorsichtshalber berücksichtigt und mein lieber Scholli, da kannst du jede Menge Sch…

Was tut man nicht alles, um statt scheiße, nur nein bisschen scheiße laufen zu können, während die Hilfsmittel in der Garage versauern!

Die Kassen zahlen ja! Ach ne, das sind ja wir!

Ich glaube, ich muss etwas weniger rauchen!

Peace Brüder!

Asphaltwestfale (Vorsicht Glosse!!)

Ja, ja! Ich weiß ja, dass viele das nicht hören wollen, besonders das weibliche Geschlecht hoch zu Ross. Und, ja, ich verdiene mein Geld mit Pferden! Oder besser Claudi hält mich mit ihrer Hipporanch aus.

Aber das ist ein anderes Thema. Obwohl das so ist, darf ich mich doch verdammt noch mal aufregen, oder? Und ich musste mich wirklich aufregen. Und nein, ich bin weder gerecht wenn ich mich aufrege, noch ist meine Ansicht politisch korrekt. So das hätten wir!

Ich schildere mal kurz die Situation. Hier auf dem Land gibt es Landwirtschaftswege ohne Ende. Diese Wege durchkreuzen Felder, Wiesen und Äcker. Soweit so gut. Das kennt ihr ja auch schon.

Selbst in der niedersächsischen Tiefebene trifft man – zwar selten, aber regelmäßig – auf Zivilisation. Als würde die Welt aus Äckern bestehen, durchfahre ich die Landwirtschaft. Nur ab und zu sieht man Gehöfte abseits des Weges. Übrigens verwechseln viele Menschen diese Gegenden mit Natur! Das liegt wohl daran, dass der Homoindustriealopitikus eingetrichtert bekommen hat: Grün ist Natur!

Ich glaube, dass grün einfach nur eine Farbe ist. Vielleicht noch eine politische Einstellung, aber mehr nicht. Und ich fahre nicht durch die Natur, sondern durch Produktionsanlagen, die auch noch stinken wie Sau.

Dann treffe ich endlich auf Leben, menschliches Leben. Und es sitzt auf einem Pferd und es kommt mir doch glatt auf dem Radweg entgegen. Ja genau! Du fährst stundenlang durch die Brutstädte der Agrarmafia und begegnest dann den Gäulen, die von den Höfen stammen, an denen du gerade vorbei gefahren bist.

Ich wechsle auf die Straße und rufe: »Hey dämliche Uschi, du hast mit deiner Pferdewurst auf vier Beinen nichts auf dem Radweg zu suchen!«

Vor Jahren noch sparte ich mir die Pferdewurst und das Wort dämlich. Heutzutage startet ein Automatismus, wenn ich die Uschis auf ihren Gäulen sehe. Wenigstens breche ich mir nicht den Hals auf dem vollgeschissenen Radweg. Ich habe drei Räder.

Meist höre ich nicht, was mir die Reiterinnen zurufen. Ist mir auch egal.

Am letzten Sonntag hatte ich eine Begegnung der berittenen Art. Beim Frühschoppen. Die Tochter einer Bekannten hat eine Reitbeteiligung. Ich dachte, nichts Böses ahnend, frag die doch mal, warum Reiterinnen auf den schmalen Straßen zwischen den Äckern reiten und nicht auf den Äckern.

Die Antwort hat mich so geflasht, dass ich mir schon morgens um zehn ein Bier reinpressen musste.

»Die Pferde können auf unebenem Boden doch nicht richtig laufen!«, antwortete die junge Frau, die und das müsst ihr mir wirklich glauben, keinerlei sichtbare Narben am Kopf hatte.

Ein »Westfale« kann also nur auf Asphalt laufen und nicht auf dem begrünten Seitenstreifen, weil es da uneben ist? Aha! Für einen Moment überlegte ich tatsächlich, ob die ganzen Pferdeweiden, die alle paar hundert Meter links und rechts der Wege auftauchen, aus grün bemaltem Beton bestehen.

Der Pferdenarr nickt und der Laie kommt ins Staunen. Es wäre so, dass die Gäule ja immer in der Halle auf mit Sand bedecktem glatten Beton laufen würden. Das war die Begründung!

Daraus schließt diese junge Frau, dass sich eine neue Pferderasse entwickelt hat: »Der Asphaltwestfale«.

Scheißen tun die jedenfalls wie ganz normale Pferde. Wahrscheinlich werden die mit Gummi besohlt, für den besseren Grip.

Leider war ich so baff, dass mir die Frage danach, was denn das für Pferde seien, die auf den Pferdewegen im hiesigen Wald laufen, nicht einviel. Diese extra mit einem blauen Schild für Pferde ausgewiesenen Waldwege, kann man nicht mal mit dem Mountainbike befahren, weil sie so matschig und uneben sind. Für Pferde eben!

Egal.

Was nun so ein Asphaltwestfale mit seiner Uschi auf dem Rücken auf einem Radweg zu suchen hat, erfuhr ich gleich anschließend.

»Dann muss ich doch auf die Straße mit Ikarus! Das ist doch gefährlich, das musst du doch einsehen!«, antwortete die junge Frau sichtlich erschrocken.

Die Antwort gehört zwar in die Kategorie »Erwachsene fragen, Fünfjährige im Kinderhort antworten«, aber was solls. Als ich so darüber sinnierte, wie es wohl riechen würde wenn Ikarus, seinem Namen alle Ehre machen würde, fiel mir eine Nachfrage ein, wofür ich mich selbst loben muss, da es zu einer meiner persönlichen Glanzleistungen zählt, auf eine derart bescheuerte Antwort überhaupt verbal zu reagieren.

»Und was ist mit den Radfahrern, die deinem bockenden Gaul auf einem meist viel zu schmalen Radweg entgegenkommen?«, fragte ich nach.

»Das Pferd ist doch versichert!«

Das Pferd hat also eine Versicherung. Super für das Pferd.

Nach diesem aufschlussreichen Sonntag, nachdem ich nun weiß, warum Reiterinnen den Helm auch mal gern ohne Pferd tragen, hatte ich vor, meinen Helmhersteller, also der, der Fahrradhelme entwickelt, danach zu fragen, ob mein Helm auch den Tritt eines Asphaltwestfalen aushält.

Ich habe dann aber darauf verzichtet. Vielleicht ist der irgendwo ansässig, wo es keine “Natur” mit Pferdehöfen für junge Frauen gibt, die vom Pferd in den Protz-SUV steigen, den sie genauso wenig beherrschen wie die Pferde. Aber der ist doch versichert! Der würde mich bestimmt nicht verstehen, der Helmhersteller.

Gipfelstürmer #1: Auf dem Weg zum Gipfel!

Seit dem Claudi komplett in ihrem Hippocamp aufgeht, kümmere ich mich mit Body um meinen Körper.

August letzten Jahres hatte ich einen wirklich geilen Zustand erreicht. Es gibt so coole Sohlen, die knüppelhart sind und unter den Fußsohlen auf die Muskeln drücken. Die sind der Hammer – schmerztechnisch, aber sie helfen. Gut die Kassen sind nicht der Meinung, denn die Sohlen kosten richtig Asche. Mit Laufen habe ich es nicht mehr so, aber beim Radeln in meinem Liegedreirad haben sie wahre Wunder bewirkt.

Nach den vielen Jahren Training war ich bereit, mich mit den gesunden Irren in den Alpen zu messen. Ich war zwar nicht auf Augenhöhe, was zwanzig Zentimeter über dem Boden eh nicht geht, aber durch die Anschaffung von reichlich Akkupower und einem für Krüppel-Verhältnisse gestählten Körper durchaus bereit.

Zu bestimmten Zeiten des Jahres sieht man sie! Heerscharen von Rennradverrückten stürmen die Berge. Jeder gegen jeden, der Kampf mit dem Berg und den schmerzenden Muskeln. Vom Sofa aus beobachten wir sie auch im TV ganz gern. Der Yuppie, der im Büro, durch den »Personaltrainer« kontrolliert, auf der Rennmaschine trainiert, bereitet sich vor.

Als Anreiz verfolgt er auf einem Mega-Flatscreen die lebensgroße Simulation eines anderen Idioten. So weit der »Amerikan way of life« im TV. Manchmal glaube ich, dass wir gar nicht mehr unterscheiden können zwischen deutscher Kultur und amerikanischer Kultur. Ich habe natürlich auch keine Ahnung davon, ich bin kein Manager mit Personal-Trainer. Am Berg sind irgendwie alle gleiche. Na, ja! Fast!

Die Yuppies – heißen die überhaupt noch so, frage ich mich gerade – kann man am perfekten Outfit erkennen. Schuhe, Socken und Helm in Radfarbe. Aus teuersten Materialien, getestet in der Raumfahrt, gefertigte Shirts nehmen Yuppieschweiß im großen Stil auf.

Nur für diese Klientel gibt es Sondergrößen wie XXL und XXXXXL. Was in der Rennradszene unter XL verstanden wird, passt in der normalen Welt nicht einmal einem schlanken Menschen. Rennradprofis haben den Bodymaßindex von magersüchtigen Models. Deshalb fahren dann viele der Freizeit Radler wie Wurst in Pelle den Berg hoch.

Manchmal fahren auch Begleiter auf Pedelecs für Handreichungen, Schweißabtupfen und Essenausgabe nebenher. Man will ja keine Zeit verlieren durch unnötige Pausen. Jede Fahrt hinauf auf den Berg ist ein Rennen. Für mich reicht schon eine Treppe.

Daneben fahren die modernen Risikofaktoren des Straßenverkehrs. Mutti und Vatti auf dem Pedelec. Zwanzig Jahre das Rad beim Frühjahrsputz im Keller bestaunt und nun geht das mit Elektroantrieb hopp, hopp den Berg hoch.

An irgendeiner Hütte angekommen, werden diese Freizeitradler hart, sehr hart von der Natur getroffen. Wie kommt man wieder runter? Der Heli bringt sie unbeschadet in die Zivilisation zurück. Sie hatten schlicht und ergreifend vergessen, dass es nicht nur steil rauf geht. Nein, Nein!

Mutti steigt dann über 5% Gefälle ab und muss geborgen werden.

So sieht es aus in den Alpen zur Hauptsaison. Body und ich haben genau aus diesem Grund den Zeitraum zwischen Ende August, Anfang September für die Alpentour geplant.

Mitte August waren wir fit für das große Ziel. Wir waren total gespannt, ob wir die Höhenmeter meistern würden. Wir übten im Kalletal um die Ecke; jeden Tag. 150 Meter rauf, brutale Abfahrt runter und wieder rauf auf den Hügel hieß es.

»Sag mal, ist das nicht total langweilig?«

Na klar, das ist nicht nur langweilig, das ist für Menschen mit einer normalen Gehirngröße eine riesige Scheiße! Nun weiß ich auch warum die Radhelme für Profis Größen haben, in die normale Homosapiens allerhöchstens einen großen Boskop Apfel hineinbekommen, aber nicht ihren Kopf.

Wer fit sein will, muss leiden. Body hat zu der Alternative “elektrisches Doping” gegriffen. Was die bei der »Tour de France« können, kann Body schon lange. Claudi war echt angepisst, dass ich nur noch auf dem Dreirad saß. »Ihr seid auch ein Kopp und ein Arsch!«, sagte sie. Ich konnte es schon nicht mehr hören, aber recht hatte sie.

Ich musste mir den Arsch trotz Akku abtrainieren. Sonst hätte ich einen Begleit-LKW mit Ersatzakkus am Berg gebraucht. Wer schon einmal ein Sesselliegedreirad in den Alpen gefahren hat, weiß, dass man trotz Akkuunterstützung sehr fit sein muss.

Den letzten Kick gaben also die propriozeptiven Sohlen, die wie eine asiatische mobile Fußmassageeinheit mal hier drauf drückten um diesen Muskel zu stärken und dort piksten, um jenen Muskel zu peppen. Die fallen aber nicht unter Doping, glaube ich. Und die Schmerzen! Man, taten die Füße weh. Schmerzen kann ich eigentlich! Ich meine so richtig Schmerzen. Manchmal habe ich schon darüber nachgedacht mich untersuchen zu lassen. Vielleicht stimmt da was nicht mit meinem Schmerzlevel! Aber die Sohlen forderten alles von mir.

Dabei hatte ich 2015 meine Schmerzerfahrungen um ein weiteres Detail erweitert. Bergab landete ich nach einem Lenkfehler mit voller Wucht in den Leitplanken; mit dem Kopf zuerst, um dann mit dem Gesicht einige Meter abwärts zu gleiten. Seitdem bin ich ein Schisser geworden. Body ist der King in der Abfahrt, der hat es so etwas von drauf. Mein lieber Scholli! Ich sah nach dem Versuch, mit gleicher Geschwindigkeit wie Body durch eine anspruchsvolle Kurve zu fahren, aus, als hätte mich ein Zug überfahren. Als ich auf dem Asphalt lag, direkt in der Kurve natürlich, hielt zufällig ein Arzt an. Man muss auch mal Glück haben, sage ich ja immer. Claudi sah mich später und konnte meine pragmatische Ansicht übers Glück nicht nachvollziehen.

Body war schon unten, als ich oben in der Kurve lag und dachte, mein Gesicht würde dem von Hannibal Lector ohne Oberlippe ähneln. Ich suchte mit der Zunge den Teil des Gesichtes über meinem Mund, der die Weichteile enthält und war total froh, die Nase zu ertasten.

Ich liege ja öfter mal irgendwo rum, deshalb kann ich nur jedem raten, den Helfer über die chronische Krankheit MS aufzuklären. Einschränkend muss ich sagen, es war ein Arzt, der mich fand. Sonst reicht es einfach aus, zu schreien: »Nicht anpacken, auf keinen Fall anpacken!«  Und dabei einen komplett irren Gesichtsausdruck zu machen.

In der Regel schüchtert das den Helfer ein.

Im Falle der Notfallhilfe, die immer damit beginnt, jemanden unter den Armen zu packen, hätte ich mir mit dem Knie auch den unteren Teil des Gesichts samt Zähne rausgeschlagen. Die Position ließ keine andere Option zu. Da kann man schon mal zu einem irren Gesichtsausdruck greifen, um sein Gebiss zu schützen.

Mit dem Arzt, der wirklich total gechillt war, durfte ich ganz in Ruhe aus dem Rad auf den Asphalt über die Schulter abrollen und zusammengekrümmt liegen bleiben. Ein zufällig dazustoßender Motorradfahrer stellte sich an den Anfang der Kurve und stoppte den Verkehr.

»Wo war meine Oberlippe?«

Der Arzt bestätigte mir, dass das alles noch ganz tutti aussähe, und fragte mich, ob er nicht einen Notarztwagen holen solle. Das ging ja gar nicht. Ich dagegen war überzeugt, dass es sich um rein kosmetische Defizite handelte, die keine Notfallmaßnahmen rechtfertigen würden. Als ich von Birgit, der Pferdepflegerin, abgeholt wurde, sah diese merkwürdig grau im Gesicht aus. Sie hatte nur einen Blick auf meinen rechten Arm geworfen.

»Der ist gebrochen!«, sagte sie. Ich war da ganz anderer Meinung. Immerhin konnte ich den Arm noch minimal bewegen.

»Der ist gebrochen!«, sagte Birgit und sprach danach kein Wort mehr mit mir.

Wir gabelten dann auf dem Weg den Hügel hinunter Body auf, dem die Kette abgesprungen war und fuhren direkt ins Krankenhaus. Er hatte nur einen lauten Knall gehört und sofort angehalten. Bei dieser überstürzten Aktion hatte sich die Kette zwischen Rahmen und Ritzel so eingeklemmt, dass er sie nicht wieder heraus bekam.

Ich kurierte damals die Abschürfungen und schweren Prellungen aus, statt in die Berge in den Urlaub zu fahren. Und natürlich war mein Arm nicht gebrochen, ich hatte mir noch nie etwas gebrochen im Leben.

2016 sollte nach dem Seuchenjahr 2015 unser Jahr werden. Ich hatte mit Claudi schon Malle gebucht und mit Body sollte es in die Dolomiten gehen.

Eingestimmt hatte ich mich mit einer Reha, in der es Klettern für MSler gab. Das war echt crazy. Sturzgeprüft bestand ich den Vertrauenstest mit einem Lächeln auf den Lippen, die mehr oder weniger nachgewachsen waren. In der Kletterwand musste man sich rückwärts aus zwei Meter Höhe in die Obhut dessen schmeißen, der unten das Seil zur Sicherung hielt. Kein Problem!

Zur besseren Einteilung meiner Ressourcen fuhr ich mit E-Stuhl in die Kletterhalle. Als ich angefeuert von mindestens drei Groupies ¾ der maximalen Kletterhöhe meisterte, konnte ich auf dem sicheren Boden durch den Physio abgesenkt, nicht mehr in den E-Rolli einsteigen. Aber ich war eine Wand hinauf geklettert. Die Kletterhilfe stellte zwar mein linkes Bein immer auf den nächsten Haltepunkt, aber immerhin!

Ok! Man kann nicht alles haben. Ich fühlte mich jedenfalls so gut vorbereitet wie schon lange nicht mehr.

Wir schrieben den 15en August 2016 und die letzten Trainingskilometer waren zu absolvieren. Dann passierte etwas, das ich nie für möglich gehalten hätte!

Die Reiterinnen der Apokalypse

Eigentlich ist für Kurt in der letzten Zeit alles topp gelaufen. Die Hippo-Ranch läuft. Claudia geht komplett auf in ihrem Job mit der Pension, mit den Gästen und vor allem mit den Pferden.

Und Kurt?

Kurt sitzt oft in seinem ferrari-roten Rollstuhl, entweder vorm Stall oder an der Weide und kotzt sich aus über die Ungerechtigkeiten dieser Welt. Er veranstaltet quasi seinen eigenen Freiluft-Stammtisch – allein mit Don Juan, dem König unter den Pferden.

Das ist echt klasse, denn der widerspricht ihm nicht. Und es ist nicht das übliche Stammtischgequatsche, das mit zunehmendem Alkoholpegel immer bescheuerter wird.

Nein, Kurt führt ein Selbstgespräch, bei dem er keine Rücksicht auf irgendwen nehmen muss. Don Juan ist Inspiration genug. Wie er erhaben über die Weide trabt, scheinbar einzig dazu geschaffen, gut auszusehen, zu fressen und zu scheißen. So ganz erhaben ist Don Juan allerdings nicht mehr, seit Claudia aus dem potenten schwarzen Hengst einen schlaffen Wallach gemacht hat, aber wer sieht das schon! Dümmer als ein Pferd geht nimmer.

Und das aus dem Munde eines überzeugten Hippo-Ranch-Betreibers, denkt ihr vielleicht? Aber seid mal ehrlich: Im Kreis herumzulaufen und kaputte MSler auf dem Rücken zu tragen, ist nicht gerade eine anspruchsvolle Aufgabe.

Don Juan macht ungefähr das, was die „Vorzeigegerippe“ bei Heidi Klums bumsdoofen Show »Germany‘s Next Topmodel« auch tun – nur ist er nackt. Zum Glück können Pferde nicht sprechen, das haben sie den Nachwuchsmodels voraus.

Man, man, man!

Wie scheiße ist man drauf, wenn man den ganzen Tag nur Pferde sieht? Wenn es wenigstens Esel wären! Die lassen die ganzen Vollpfosten, die meinen, sie müssten mit Lederstiefeln und Reitgerten Pferde quälen, abblitzen, weil sie nicht so unfassbar blöd sind, sich einfach besteigen zu lassen. Diesbezüglich möchte Kurt sich über Models erst gar keine Gedanken machen.

Wenn Kurt nicht an der Weide oder vor dem Stall sitzt und sich mit „Rammstein“ auf den Ohren in Stimmung bringt, um die neuesten nervigen Ideen unserer verkackten Politiker oder den Markt – was immer das auch sein mag – mit der notwendigen Impulsivität zu kommentieren, fährt er mit seinem Sesselliegerad.

Ist das politisch korrekt?

Seid ihr bekloppt? Der Typ ist ein Krüppel. Der darf das, die arme Sau!

Ihr meint, jetzt wäre es aber gut?

Falsch, jetzt geht es gerade erst los!

 

Dürfen Reiter mit ihren Pferden auf Fahrradwegen laufen und überall riesige „Tretminen“ absondern?

 

Nein!!

Bild: Fotolia / stockphoto-graf
Bild: Fotolia / stockphoto-graf

Sieht das etwa aus wie ein Pferd?

 

Ach, wenn die Welt doch so einfach wäre, wie uns der Gesetzgeber mit der Straßenverkehrsordnung glauben machen will. Blaues Schild mit Fahrrad drauf bedeutet Radweg, nicht Pferdepfad. Sogar ein Pferd erkennt den Unterschied zwischen einem Fahrrad auf einem Schild und einem stumpfsinnigen Artgenossen.

Sobald das Wetter blau und sonnig vom Himmel lacht, setzt sich Kurt seinen Fahrradhelm auf, schwingt sich aus dem Rolli mehr oder weniger elegant in sein Liegedreirad mit Motorunterstützung und widmet sich intensiv seinen spastischen Beinen.

Kurt hebt die Beine langsam auf die Klickpedale und lässt sie ein Weilchen verharren, um sie an die Position zu gewöhnen.

Dann zuerst den einen dann den anderen Radschuh einklicken. Nun wird es aber Zeit! Schnell den Motor aktivieren, den Tacho nullen und aus der Garage heraus brausen, bevor die erste Streckspastik die Kettengarnitur aus dem Tretlager stampft.

Jetzt heißt es, Ruhe bewahren und den Motor machen lassen. Nichts überhasten! Die Beine bewegen sich langsam ohne Kraftaufwand zum Summen des Motors, während Kurt das „Mantra der Gelassenheit“ betet.

Bei jeder Umdrehung möchten die Beine selbstbestimmt das angenehm Runde in ein abgehacktes,  verkrampftes Eckiges verwandeln. Es hakelt bei jeder Umdrehung. Wenn die Beugung am größten ist, droht ein Tremor die Harmonie vollends zu zerstören.

Kilometer für Kilometer, Minute für Minute wird es besser. Nach lediglich dreißig Minuten kann Kurt den Motor langsam drosseln und selbst etwas treten. Doch nur nicht übermütig werden!

Tief unter der Haut, irgendwo ganz nah am Knochen, im Zentrum, dort lauert der Krampf.

Jetzt hat Kurts Tritt den richtigen Rhythmus, er kann endlich Druck machen. Bereits 55 Minuten ist Kurt jetzt unterwegs, es geht berauf, als er nach nach rechts  auf den Radweg Richtung zurück zur Hippo-Ranch abbiegt.

„Rammstein“ prügelt ihm das Lied „Spieluhr“ ins Gehirn.

»Ein kleiner Mensch stirbt …«, als plötzlich vor ihm zwei Reiterinnen auftauchen, » … nur zum Schein … «.

Was machen die beiden wohl, wenn sich die Distanz verringert und die Pferde scheuen, denkt sich Kurt?

Werden sie ihm wie üblich zurufen: »Der kennt so ein Gefährt nicht, ruhig Brauner …«, während der Gaul entsetzt die Vorderläufe aufstellt?

» Hoppe, hoppe Reiter … das Herz schlägt nicht mehr weiter …«

Kurt rollt langsam, die Beine verharren in einer festen Position, seinen Pulsschlag spürt er bis zum Hals, Wut steigt in ihm hoch. Die Beine wollen die Unterbrechung der rhythmischen Bewegung einfach nicht akzeptieren. Bleierne Lähmung wartet darauf, eruptiv hervorzubrechen.

» Hoppe, hoppe Reiter … das Herz schlägt nicht mehr weiter …«

High Noon!

Die Gäule kommen! Heidi Klums geschminkten Abziehbilder grinsen zu ihm hinab, während Kurt dort unten, 30 Zentimeter über dem Asphalt, besorgt ausharrt.

Dann geht es los.

Die riesigen Leiber mit den menschlichen Puppen auf dem Rücken ändern schlagartig die Richtung. Sie stehen nun quer auf der Fahrradbahn und bewegen sich, unbeeindruckt vom beruhigenden Gehampel der Puppen, mal in diese und mal in jene Richtung. Pferde sind Fluchttiere. Quer zum Fahrradweg haben sie Kurt im Blick und können notfalls in die andere Richtung entkommen.

Tonnen von „Pferdewurst“ tanzen zu „Rammstein“ vor Kurt auf einem Radweg, auf dem sie nichts, aber auch gar nichts zu suchen haben.

„Da fahren doch so wenige Radler!“ oder „Man kann sich doch auch einigen, wenn man aufeinander Acht gibt!“, behauptet man in Reiterforen.

Nein! Nein! Nein! Kann man nicht!

Kurt möchte  nicht Acht geben. Kurt möchte ohne Krampf in den Beinen einfach Rad fahren.

Und in diesem Moment möchte Kurt die Reiterinnen in Pferdewurstdosen pressen.

» Hoppe, hoppe Reiter … das Herz schlägt nicht mehr weiter …«

Kurt steht. Keine zehn Meter entfernt kämpfen zwei unfähige Reiterinnen mit ihren Gäulen, die nun in Kurts Richtung unterwegs sind. Dabei sind die Reiterrinnen nur noch  Puppen, die von den Tieren an unsichtbaren Fäden hin und her gewirbelt werden, die mit sich selbst und der Angst, auf die Schnauze zu fallen, viel mehr beschäftigt sind, als mit den Gäulen.

Kurt klickt die Füße aus den Pedalen und versucht irgendwie, rückwärts zu entkommen. Das rechte Bein stampft im Takt der Rammstein-Musik den Tremor in den Asphalt.

»Der kennt so was nicht«. Grins!

»Oh, wenn du nicht so scheiße behindert wärst!«, denkt Kurt, »dann würdest du aufstehen und den jungen Damen die Fressen polieren«.

Ja, Kurt würde auch Frauen schlagen. Das ist gelebte Gender-Kultur! Das müsst ihr schon ertragen, wollt ihr Models bei „Heidi“ werden. Da gibt´s doch auch auf die Fresse.

Stattdessen schifft sich Kurt dreißig Zentimeter über dem Boden vor Angst fast in die Hose.

»Der kennt das nicht! Huttitutti! Heiti, teite!«.

Endlich kommen die beiden Intelligenzbolzen auf den dummen Viechern auf die Idee, vom Radweg in die Wiese zu reiten. Zu spät!

Kurt sitzt da! Die Beine sind gebeugt!

Er hat keine Möglichkeit, sie aus eigener Kraft aus dieser Position zu erlösen.

Die Reiterinnen sind da schon nicht mehr zu sehen. Der Himmel ist so blau und die Sonne lacht.

Sie lacht!

 

Hoppe, hoppe Reiter

Und kein Engel steigt herab

Mein Herz schlägt nicht mehr weiter

Nur der Regen weint am Grab

Hoppe Hoppe Reiter

Eine Melodie im Wind

Mein Herz schlägt nicht mehr weiter

Und aus der Erde singt das Kind

 

(Rammstein „Spieluhr“)