Die Reiterinnen der Apokalypse

Eigentlich ist für Kurt in der letzten Zeit alles topp gelaufen. Die Hippo-Ranch läuft. Claudia geht komplett auf in ihrem Job mit der Pension, mit den Gästen und vor allem mit den Pferden.

Und Kurt?

Kurt sitzt oft in seinem ferrari-roten Rollstuhl, entweder vorm Stall oder an der Weide und kotzt sich aus über die Ungerechtigkeiten dieser Welt. Er veranstaltet quasi seinen eigenen Freiluft-Stammtisch – allein mit Don Juan, dem König unter den Pferden.

Das ist echt klasse, denn der widerspricht ihm nicht. Und es ist nicht das übliche Stammtischgequatsche, das mit zunehmendem Alkoholpegel immer bescheuerter wird.

Nein, Kurt führt ein Selbstgespräch, bei dem er keine Rücksicht auf irgendwen nehmen muss. Don Juan ist Inspiration genug. Wie er erhaben über die Weide trabt, scheinbar einzig dazu geschaffen, gut auszusehen, zu fressen und zu scheißen. So ganz erhaben ist Don Juan allerdings nicht mehr, seit Claudia aus dem potenten schwarzen Hengst einen schlaffen Wallach gemacht hat, aber wer sieht das schon! Dümmer als ein Pferd geht nimmer.

Und das aus dem Munde eines überzeugten Hippo-Ranch-Betreibers, denkt ihr vielleicht? Aber seid mal ehrlich: Im Kreis herumzulaufen und kaputte MSler auf dem Rücken zu tragen, ist nicht gerade eine anspruchsvolle Aufgabe.

Don Juan macht ungefähr das, was die „Vorzeigegerippe“ bei Heidi Klums bumsdoofen Show »Germany‘s Next Topmodel« auch tun – nur ist er nackt. Zum Glück können Pferde nicht sprechen, das haben sie den Nachwuchsmodels voraus.

Man, man, man!

Wie scheiße ist man drauf, wenn man den ganzen Tag nur Pferde sieht? Wenn es wenigstens Esel wären! Die lassen die ganzen Vollpfosten, die meinen, sie müssten mit Lederstiefeln und Reitgerten Pferde quälen, abblitzen, weil sie nicht so unfassbar blöd sind, sich einfach besteigen zu lassen. Diesbezüglich möchte Kurt sich über Models erst gar keine Gedanken machen.

Wenn Kurt nicht an der Weide oder vor dem Stall sitzt und sich mit „Rammstein“ auf den Ohren in Stimmung bringt, um die neuesten nervigen Ideen unserer verkackten Politiker oder den Markt – was immer das auch sein mag – mit der notwendigen Impulsivität zu kommentieren, fährt er mit seinem Sesselliegerad.

Ist das politisch korrekt?

Seid ihr bekloppt? Der Typ ist ein Krüppel. Der darf das, die arme Sau!

Ihr meint, jetzt wäre es aber gut?

Falsch, jetzt geht es gerade erst los!

 

Dürfen Reiter mit ihren Pferden auf Fahrradwegen laufen und überall riesige „Tretminen“ absondern?

 

Nein!!

Bild: Fotolia / stockphoto-graf
Bild: Fotolia / stockphoto-graf

Sieht das etwa aus wie ein Pferd?

 

Ach, wenn die Welt doch so einfach wäre, wie uns der Gesetzgeber mit der Straßenverkehrsordnung glauben machen will. Blaues Schild mit Fahrrad drauf bedeutet Radweg, nicht Pferdepfad. Sogar ein Pferd erkennt den Unterschied zwischen einem Fahrrad auf einem Schild und einem stumpfsinnigen Artgenossen.

Sobald das Wetter blau und sonnig vom Himmel lacht, setzt sich Kurt seinen Fahrradhelm auf, schwingt sich aus dem Rolli mehr oder weniger elegant in sein Liegedreirad mit Motorunterstützung und widmet sich intensiv seinen spastischen Beinen.

Kurt hebt die Beine langsam auf die Klickpedale und lässt sie ein Weilchen verharren, um sie an die Position zu gewöhnen.

Dann zuerst den einen dann den anderen Radschuh einklicken. Nun wird es aber Zeit! Schnell den Motor aktivieren, den Tacho nullen und aus der Garage heraus brausen, bevor die erste Streckspastik die Kettengarnitur aus dem Tretlager stampft.

Jetzt heißt es, Ruhe bewahren und den Motor machen lassen. Nichts überhasten! Die Beine bewegen sich langsam ohne Kraftaufwand zum Summen des Motors, während Kurt das „Mantra der Gelassenheit“ betet.

Bei jeder Umdrehung möchten die Beine selbstbestimmt das angenehm Runde in ein abgehacktes,  verkrampftes Eckiges verwandeln. Es hakelt bei jeder Umdrehung. Wenn die Beugung am größten ist, droht ein Tremor die Harmonie vollends zu zerstören.

Kilometer für Kilometer, Minute für Minute wird es besser. Nach lediglich dreißig Minuten kann Kurt den Motor langsam drosseln und selbst etwas treten. Doch nur nicht übermütig werden!

Tief unter der Haut, irgendwo ganz nah am Knochen, im Zentrum, dort lauert der Krampf.

Jetzt hat Kurts Tritt den richtigen Rhythmus, er kann endlich Druck machen. Bereits 55 Minuten ist Kurt jetzt unterwegs, es geht berauf, als er nach nach rechts  auf den Radweg Richtung zurück zur Hippo-Ranch abbiegt.

„Rammstein“ prügelt ihm das Lied „Spieluhr“ ins Gehirn.

»Ein kleiner Mensch stirbt …«, als plötzlich vor ihm zwei Reiterinnen auftauchen, » … nur zum Schein … «.

Was machen die beiden wohl, wenn sich die Distanz verringert und die Pferde scheuen, denkt sich Kurt?

Werden sie ihm wie üblich zurufen: »Der kennt so ein Gefährt nicht, ruhig Brauner …«, während der Gaul entsetzt die Vorderläufe aufstellt?

» Hoppe, hoppe Reiter … das Herz schlägt nicht mehr weiter …«

Kurt rollt langsam, die Beine verharren in einer festen Position, seinen Pulsschlag spürt er bis zum Hals, Wut steigt in ihm hoch. Die Beine wollen die Unterbrechung der rhythmischen Bewegung einfach nicht akzeptieren. Bleierne Lähmung wartet darauf, eruptiv hervorzubrechen.

» Hoppe, hoppe Reiter … das Herz schlägt nicht mehr weiter …«

High Noon!

Die Gäule kommen! Heidi Klums geschminkten Abziehbilder grinsen zu ihm hinab, während Kurt dort unten, 30 Zentimeter über dem Asphalt, besorgt ausharrt.

Dann geht es los.

Die riesigen Leiber mit den menschlichen Puppen auf dem Rücken ändern schlagartig die Richtung. Sie stehen nun quer auf der Fahrradbahn und bewegen sich, unbeeindruckt vom beruhigenden Gehampel der Puppen, mal in diese und mal in jene Richtung. Pferde sind Fluchttiere. Quer zum Fahrradweg haben sie Kurt im Blick und können notfalls in die andere Richtung entkommen.

Tonnen von „Pferdewurst“ tanzen zu „Rammstein“ vor Kurt auf einem Radweg, auf dem sie nichts, aber auch gar nichts zu suchen haben.

„Da fahren doch so wenige Radler!“ oder „Man kann sich doch auch einigen, wenn man aufeinander Acht gibt!“, behauptet man in Reiterforen.

Nein! Nein! Nein! Kann man nicht!

Kurt möchte  nicht Acht geben. Kurt möchte ohne Krampf in den Beinen einfach Rad fahren.

Und in diesem Moment möchte Kurt die Reiterinnen in Pferdewurstdosen pressen.

» Hoppe, hoppe Reiter … das Herz schlägt nicht mehr weiter …«

Kurt steht. Keine zehn Meter entfernt kämpfen zwei unfähige Reiterinnen mit ihren Gäulen, die nun in Kurts Richtung unterwegs sind. Dabei sind die Reiterrinnen nur noch  Puppen, die von den Tieren an unsichtbaren Fäden hin und her gewirbelt werden, die mit sich selbst und der Angst, auf die Schnauze zu fallen, viel mehr beschäftigt sind, als mit den Gäulen.

Kurt klickt die Füße aus den Pedalen und versucht irgendwie, rückwärts zu entkommen. Das rechte Bein stampft im Takt der Rammstein-Musik den Tremor in den Asphalt.

»Der kennt so was nicht«. Grins!

»Oh, wenn du nicht so scheiße behindert wärst!«, denkt Kurt, »dann würdest du aufstehen und den jungen Damen die Fressen polieren«.

Ja, Kurt würde auch Frauen schlagen. Das ist gelebte Gender-Kultur! Das müsst ihr schon ertragen, wollt ihr Models bei „Heidi“ werden. Da gibt´s doch auch auf die Fresse.

Stattdessen schifft sich Kurt dreißig Zentimeter über dem Boden vor Angst fast in die Hose.

»Der kennt das nicht! Huttitutti! Heiti, teite!«.

Endlich kommen die beiden Intelligenzbolzen auf den dummen Viechern auf die Idee, vom Radweg in die Wiese zu reiten. Zu spät!

Kurt sitzt da! Die Beine sind gebeugt!

Er hat keine Möglichkeit, sie aus eigener Kraft aus dieser Position zu erlösen.

Die Reiterinnen sind da schon nicht mehr zu sehen. Der Himmel ist so blau und die Sonne lacht.

Sie lacht!

 

Hoppe, hoppe Reiter

Und kein Engel steigt herab

Mein Herz schlägt nicht mehr weiter

Nur der Regen weint am Grab

Hoppe Hoppe Reiter

Eine Melodie im Wind

Mein Herz schlägt nicht mehr weiter

Und aus der Erde singt das Kind

 

(Rammstein „Spieluhr“)

Folge #3: Reha-Erlebnisse

Folge #2: Das Leben links liegen lassen

Folge #1: Warum sogar Tote einen SBA bekommen können